Geschichte — Wie alles entdeckt wurde

Der Beginn aller Herddiagnostik und -therapie war purer Zufall: 1940 behandelte Ferdinand Huneke, ein deutscher Arzt, eine Frau mit einer Entzündung der linken Schulter, die bisher allen Therapieversuchen widerstanden hatte. In der Annahme, die Patientin hätte einen Herd, der (nach damaliger Auffassung) auf dem Blutwege Bakterien und Toxine ausstreuen könnte, hatte man ihr bereits auf Verdacht die Mandeln und die Mehrzahl der Zähne entfernt. Nun wollte man ihr sogar noch den Unterschenkel amputieren, weil man jetzt an dieser Stelle den Herd vermutete. Die Patientin hatte dort als Kind vor 35 Jahren eine Knochenhautentzündung (Osteomyelitis) durchgemacht. Das lehnte die Patientin verständlicherweise ab. Huneke musste die Frau ungeheilt entlassen.

Glücklicherweise kam sie nach zwei Wochen wieder, weil sich die Umgebung der alten Narbe am rechten Unterschenkel entzündet hatte. Nur diese Entzündung über dem Unterschenkelknochen wollte Huneke jetzt mit sogenannten Quaddeln behandeln. Noch während Dr. Huneke die Narbe am Unterschenkel mit einem Lokalbetäubungsmittel unterspritzte (Procain mit Coffeinzusatz), verschwanden plötzlich die Schulterschmerzen, die Patientin konnte den Arm wieder schmerzfrei bewegen! Nach dieser einen Behandlung war das Schultergelenk mit Dauerwirkung geheilt.

Glücklicherweise schloss Huneke folgerichtig, dass die Narbe am Unterschenkel ein Störherd gewesen sein musste, der eine Fernwirkung auf das Schultergelenk gehabt und die Gelenkbeschwerden über einen noch unbekannten Weg unterhalten hatte. Er schloss ebenso folgerichtig, dass man einen Narbenstörherd offenbar mit einem Lokalanästhetikum (LA) ausschalten konnte. Er legte damit den Grundstein der heutigen Herderkennung und -behandlung.

Heute wissen wir, warum man einen Herd durch ein Lokalanästhetikum (LA) ausschalten kann: ein LA verändert die elektrischen Eigenschaften der Zellwand, die im Falle einer Beherdung so verändert ist, dass ständig elektrische Reize an den Körper abgegeben werden.

Huneke begann jetzt gezielt zu suchen - immer wieder unterspritzte er bei chronischen Beschwerden gezielt alle Narben, die er beim Patienten finden konnte, auch chronische Entzündungen an den Mandeln oder im Bereich des Unterleibs oder an den Zähnen. Er konnte von nun an immer wieder beobachten, dass hartnäckige oder sogar bis dahin therapieresistente Symptome verschwanden, wenn er chronische Irritationsstellen (Narben etc.) mit einem Lokalanästhetikum unterspritzte. Die Injektionsstellen konnten durchaus weitab vom Ort der geklagten Beschwerden liegen. Da dieser Effekt unmittelbar bzw. fast gleichzeitig mit der Injektion erfolgte, prägte Huneke dafür den Begriff „Sekundenphänomen“. Er schloss auf einen ursächlichen Zusammenhang zwischen unterspritzter Störstelle (Herd, Fokus, Störherd, Störfeld) und den Beschwerden des Patienten.

Da nicht jede Narbe unbedingt einen Störherd darstellt, ist es wichtig, die meist nur eine oder zwei wirklich störende Narbe zu finden. Wenn man hierzu alle Narben auf einmal anspritzen muss, kann das für den Patienten schmerzhaft werden.

Durch weitere Forschung in den folgenden Jahren gelang es Dr. Nogier aus Lyon in Frankreich und Prof. Bahr, München, ein System zu entwickeln, das es erlaubt, unter vielen Narben oder chronischen Entzündungen die wirklich störende schnell zu finden - zahllose Probeunterspritzungen sind damit nicht mehr notwendig.